Erinnerung ist mehr als Gedächtnis

Da sitzt jemand am Frühstückstisch und fragt: „Ist heute Montag?“ Zehn Minuten später: „Ist heute Montag?“ Und dann wieder. Und noch mal. Was für Außenstehende wie eine Schleife wirkt, ist für Menschen mit Demenz oft eine ernst gemeinte Frage – jedes Mal neu, jedes Mal echt. Die Orientierung bröckelt, das Jetzt zerfasert, und das Ich scheint immer häufiger durch ein milchiges Glas zu blicken. Doch auch wenn Daten verschwinden, bleibt etwas bestehen. Das, was wir sind, ist mehr als das, was wir wissen. Und Erinnerungen – selbst die bruchstückhaften – können Brücken sein. Zu anderen. Und zu uns selbst.

Von Ines Erfurth

| 17. Juli 2025

Von Ines Erfurth

| 17. Juli 2025

Demenz, Identität – und die Kunst, nicht zu verschwinden

Da sitzt jemand am Frühstückstisch und fragt: „Ist heute Montag?“ Zehn Minuten später: „Ist heute Montag?“ Und dann wieder. Und noch mal.
Was für Außenstehende wie eine Schleife wirkt, ist für Menschen mit Demenz oft eine ernst gemeinte Frage – jedes Mal neu, jedes Mal echt. Die Orientierung bröckelt, das Jetzt zerfasert, und das Ich scheint immer häufiger durch ein milchiges Glas zu blicken. Doch auch wenn Daten verschwinden, bleibt etwas bestehen. Das, was wir sind, ist mehr als das, was wir wissen. Und Erinnerungen – selbst die bruchstückhaften – können Brücken sein. Zu anderen. Und zu uns selbst.

Wenn das Gedächtnis geht – und die Vergangenheit bleibt

Demenz beginnt nicht mit Vergessen. Sie beginnt mit Verunsicherung. Mit Momenten, in denen Namen fehlen, Räume fremd werden, Zeit sich auflöst. Laut dem Bundesgesundheitsministerium sind vor allem Kurzzeitgedächtnis und Zeitgefühl betroffen – die jüngste Vergangenheit rutscht zuerst durch die Finger. Und doch: Das biografische Langzeitgedächtnis – also das, was wir als „unsere Geschichte“ empfinden – bleibt erstaunlich lange erhalten. Wer mit Menschen mit Alzheimer spricht, merkt schnell: Das Jahr 1958 ist manchmal näher als das Frühstück von gestern.

„Immer wieder dieselbe Geschichte“, sagen viele – und hören irgendwann weg. Dabei ist das Erzählen kein Fehler, sondern eine Form des Selbstschutzes. Der Focus erklärt: Vergangenes ist emotional tief verankert. Es gibt Struktur, Bedeutung, ein Gefühl von Identität. Für Menschen mit Demenz wird die Vergangenheit nicht nur lebendig – sie wird zur Gegenwart. „Ich habe mich sozusagen verloren“, sagt ein Betroffener in einem Beitrag der Alzheimer-Forschung. Dieser Satz tut weh. Und er fordert uns heraus. Denn wer helfen will, muss mehr tun als Pflegen. Er muss Verstehen.

Begegnung beginnt bei der Biografie

Was hilft in solchen Momenten? Ein Foto von früher. Die Stimme von Edith Piaf. Der Geruch von frischem Hefekuchen. Was wie Nebensächliches klingt, ist in Wirklichkeit Erinnerung pur – und damit ein Schlüssel zur Begegnung. Laut dem Ratgeber Demenz sind biografische Bezüge zentral, um Vertrauen zu schaffen. Wenn Pflegende wissen, dass Herr M. früher Busfahrer war, Frau S. jeden Sonntag den Tatort sah und Herr K. nie ohne Weste aus dem Haus ging – dann beginnt Nähe. Dann beginnt Pflege, die nicht nur funktioniert, sondern verbindet. Bei miCura begegnen wir Menschen mit Demenz nicht über ihre Diagnose, sondern über ihre Geschichte. Wer sie waren, wer sie sind, was sie geprägt hat – das interessiert uns. Deshalb ist Biografiearbeit für unsere Pflegenden kein Bonus, sondern Basis. Ob durch Erzählrunden oder ganz einfache Gespräche am Bett: Es geht darum, dass niemand das Gefühl hat, vergessen zu sein – selbst wenn er vergisst.

Fazit: Wer zuhört, bewahrt

Demenz verändert viel. Aber sie löscht nicht alles aus. Ein Lieblingslied, ein Satz, ein Lächeln – manchmal genügt das, um das Fenster zur Vergangenheit ein kleines Stück zu öffnen. Und in diesem Moment zeigt sich: Erinnerung ist mehr als nur Gedächtnis. Sie ist Zuwendung. Beziehung. Und manchmal: Rettung.

 

 

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