Unsichtbar, aber dennoch nicht egal

Eine Brille, die nicht mehr passt. Schuhe, die schon zu viele Winter erlebt haben. Kein Geld für einen Friseurbesuch, fürs Theater, für ein neues Rezept. Altersarmut ist selten laut. Sie ist still, beschämt – und viel näher, als viele denken.

Von Ines Erfurth

| 9. Oktober 2025

Von Ines Erfurth

| 9. Oktober 2025

Aeltere Frau erhaelt Unterstuetzung durch Helferin - Engagement gegen Altersarmut und fuer soziale Teilhabe

Wie der Verein Lichtblick Seniorenhilfe e.V. in Münster und deutschlandweit Altersarmut begegnet

Eine Brille, die nicht mehr passt. Schuhe, die schon zu viele Winter erlebt haben. Kein Geld für einen Friseurbesuch, fürs Theater, für ein neues Rezept. Altersarmut ist selten laut. Sie ist still, beschämt – und viel näher, als viele denken. In Deutschland ist fast jede fünfte Person über 65 armutsgefährdet. Laut Statistischem Bundesamt stieg die Quote im vergangenen Jahr auf 19,6 % – ein neuer Höchstwert, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland und der MDR berichten.

Für Münster gibt es keine genauen Zahlen – aber wer sich umhört, merkt schnell: Auch hier fällt das Thema oft unter den Tisch. Und genau deshalb engagiert sich Lichtblick Seniorenhilfe e.V.

Altersarmut: Was das eigentlich heißt

Wenn die Rente kaum reicht, um Lebensmittel zu kaufen. Wenn Freizeit, Kultur und Begegnung zum Luxus werden. Wenn Teilhabe an der Gesellschaft an zehn fehlenden Euro scheitert – dann sprechen wir von Altersarmut. Und sie betrifft längst nicht nur Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien.

„Unsere Seniorinnen und Senioren haben jahrzehntelang in die Rentenkasse eingezahlt“, sagt Annika Wimmers, eine Mitarbeiterin von Lichtblick e.V. vom Standort in Münster im Interview. „Das sind Menschen, die gearbeitet haben, aber mit ihrer Rente kommen sie heute nicht mehr aus.“

„Viele trauen sich gar nicht, Hilfe zu suchen“

Für das Team von Lichtblick Seniorenhilfe e.V. ist das keine theoretische Zahl, sondern tägliche Erfahrung. „Wir merken, dass das Thema Scham eine große Rolle spielt“, sagt Frau Wimmers vom Münsteraner Team. „Viele Seniorinnen und Senioren haben ein Leben lang gearbeitet und empfinden es als persönliches Versagen, wenn das Geld im Alter nicht reicht.“ Zudem wissen auch die Angehörigen oft nichts von der finanziellen Lage – gerade in einer ökonomisch gut situierten Stadt wie Münster, bleiben solche Geschichten also oft versteckt.

Der Verein unterstützt bundesweit ältere Menschen, die in Armut leben – mit finanziellen Hilfen, aber auch mit Projekten, die soziale Teilhabe ermöglichen. „Es geht nicht nur um den Kühlschrank oder die Heizkosten“, so Wimmers. „Es geht auch darum, wieder am Leben teilzuhaben, sich nicht zurückzuziehen.“ Die Sichtbarmachung des Themas steht an erster Stelle und die Tür steht immer offen, sodass auch ein niedrigschwelliger Kontakt – ganz ohne Termin – gewährleistet werden kann.

Ein Lichtblick im Alltag: Hilfe, die ankommt

Allein im Münsterland betreut der Verein Lichtblick Seniorenhilfe e.V. über 850 Rentnerinnen und Rentner – mit direkter Hilfe und mit Herz. Drei Beispiele zeigen, wie konkret diese Unterstützung aussieht:

  • Lichtblick-Tüte: Aktuell erhalten jeden Monat ca. 55 Menschen in Münster eine Tüte mit frischen Lebensmitteln – abgestimmt auf ein einfaches, saisonales Rezept. Zusammen mit einer ehrenamtlich erstellten Kochanleitung. Wie HelloFresh – nur fürs Herz. Das Besondere: Ehrenamtliche übergeben die Tüten persönlich, nehmen sich Zeit fürs Gespräch und erkennen dabei oft weiteren Unterstützungsbedarf.
  • Lebensmittelgutscheine: Bei Bedarf verschickt der Verein Gutscheine über 100 Euro – für Aldi, Lidl oder Rewe. Auf dem Land auch für kleinere Läden. Denn Armut ist individuell – und die Hilfe sollte es auch sein.
  • Begleitung und Beratung: Ob individuelle Unterstützung oder einfach ein freundlicher Besuch – das Team von Lichtblick und seine Ehrenamtlichen helfen da, wo es nötig ist. Unkompliziert, direkt, herzlich.

Mehr als Hilfe: Soziale Teilhabe als Schlüssel

Altersarmut bedeutet oft auch: Einsamkeit. Isolation. Stillstand. Deshalb organisiert Lichtblick in Münster regelmäßig Ausflüge, Frühstücke, Veranstaltungen – Orte der Begegnung. „Da sind Freundschaften entstanden, sogar Paare“, erzählt Frau Wimmers. Für viele sei das der einzige Moment im Monat, an dem sie nicht rechnen müssen – sondern einfach dabei sein können. Auch Feste und Feierlichkeiten gehören dazu: So unterstützte Lichtblick etwa die große Karnevalsveranstaltung der DKV-Residenz Münster im Frühjahr als Sponsor – ein Beispiel dafür, wie durch gezielte Hilfe nicht nur Not gelindert, sondern auch Lebensfreude möglich gemacht wird. Denn manchmal ist ein fröhlicher Nachmittag, ein geschmückter Saal, ein gemeinsames Lachen ebenso viel wert wie der nächste Einkaufsgutschein.

Der Verein bleibt unpolitisch, aber nicht unkritisch. „Es fehlt an offenen Anlaufstellen“, heißt es im Interview. Die Scham vieler Rentner, sich Hilfe zu holen, sei groß – auch in Münster. Lichtblick möchte das ändern. Durch Sichtbarkeit, durch Präsenz – und durch Projekte, die konkret helfen, ohne zu stigmatisieren.

Wie kann man helfen?

Spenden sind wichtig. Aber mindestens genauso gefragt sind Menschen, die Zeit und Herz schenken. Lichtblick sucht laufend Ehrenamtliche – für Gespräche, Fahrdienste, Bürohilfe, Logistik oder ganz einfach: für ein Dasein.

Wer in Münster lebt, kann sich direkt an das Büro am Hansaring wenden:
https://seniorenhilfe-lichtblick.de/kontakt

Fazit: Würde ist kein Extra

Altersarmut darf kein Tabuthema bleiben. Lichtblick Seniorenhilfe e.V. zeigt, wie Hilfe konkret aussehen kann: lokal, menschlich, flexibel. Was wir mitnehmen können? Dass Teilhabe nicht bei Theaterkarten beginnt – sondern bei einem Kaffee, einem Gespräch, einem Gefühl: Ich bin nicht allein.

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